Ratgeber · Streit & Konflikte · Arbeit
Mit schwierigen Kollegen umgehen: Konflikte klären, ohne alles persönlich zu machen
Wie du bei schwierigen Kollegen zwischen Arbeitsstil, Sachkonflikt, wiederholter Respektlosigkeit und ernsteren Grenzverletzungen unterscheidest - und was du davon selbst beeinflussen kannst.
Bei schwierigen Kollegen hilft es meist mehr, konkretes Verhalten zu betrachten als die Persönlichkeit des anderen zu bewerten. Kläre zunächst, ob es um unterschiedliche Arbeitsweisen, einen Sachkonflikt, wiederholte Unhöflichkeit oder ernstere Grenzverletzungen geht. Sprich konkrete Auswirkungen auf die Zusammenarbeit an, vereinbare möglichst klare Zuständigkeiten und dokumentiere wiederkehrende Probleme. Bei Mobbing, Diskriminierung, Belästigung oder Machtmissbrauch reicht eine normale Kommunikationsstrategie dagegen möglicherweise nicht aus.
Der Kollege unterbricht ständig. Eine Kollegin hält Absprachen nicht ein. Jemand kommentiert jede Idee abwertend. Andere arbeiten schlicht anders als man selbst. Nicht aus jedem dieser Konflikte lässt sich gleich ein Persönlichkeitstyp ableiten.
Was macht einen Kollegen eigentlich „schwierig”?
Der Begriff ist zunächst ein subjektiver Suchbegriff, keine feste Kategorie. Hilfreicher als das Etikett ist, das konkrete Verhalten dahinter zu benennen.
Persönlichkeit bewerten oder Verhalten beschreiben?
Nicht: „Er ist egoistisch.” Sondern: „Er entscheidet wiederholt Dinge, die meinen Arbeitsbereich betreffen, ohne mich einzubeziehen.”
Unterschiedliche Arbeitsweisen sind noch kein Konflikt
Zum Beispiel schnell versus gründlich, spontan versus planend, oder ein direkterer versus ein vorsichtigerer Kommunikationsstil. Daraus lässt sich keine feste Typologie von Kollegen ableiten.
Sachkonflikt und Beziehungskonflikt unterscheiden
Die Konfliktforschung unterscheidet verschiedene Konfliktformen am Arbeitsplatz. Aktuelle Metaanalysen zeigen dabei, dass selbst Sach- und Aufgabenkonflikte nicht pauschal als leistungsfördernd für ein Team gelten sollten – ihre Wirkung hängt stark vom jeweiligen Kontext ab. „Sachkonflikte sind gesund” lässt sich daraus nicht ableiten.
Schritt 1: Das konkrete Verhalten notieren
Situation, Verhalten, Auswirkung auf die Arbeit – ohne dabei Motive der anderen Person zu erfinden.
Schritt 2: Prüfen, was wirklich geklärt werden muss
Geht es um Zuständigkeit, eine Deadline, den Kommunikationsweg, eine persönliche Grenze, die Arbeitsqualität oder eine Entscheidungskompetenz?
Schritt 3: Direkt ansprechen, wenn es angemessen ist
Zum Beispiel: „Bei den letzten beiden Übergaben haben mir wichtige Informationen gefehlt. Dadurch musste ich nachträglich mehrere Punkte klären. Können wir festlegen, welche Angaben künftig immer mitgegeben werden?”
Nicht über Charakter diskutieren
Nicht: „Du bist immer so respektlos.” Eine Aussage über das Verhalten in einer konkreten Situation lässt sich leichter besprechen als ein Urteil über die ganze Person.
Wenn der Kollege ständig unterbricht
Zum Beispiel: „Lass mich den Gedanken kurz zu Ende bringen, danach höre ich mir deinen Punkt gern an.”
Wenn Aufgaben bei dir landen
Ausführlicher dazu: Grenzen am Arbeitsplatz setzen.
Wenn jemand deine Arbeit abwertet
Sachliche Kritik an einem Ergebnis ist etwas anderes als eine persönliche Abwertung – beides verdient eine unterschiedliche Reaktion.
Wenn Absprachen nicht eingehalten werden
Absprachen möglichst schriftlich festhalten – nicht als Beweissammlung für einen Kampf, sondern für Klarheit in der Zusammenarbeit.
Wenn du die Person einfach nicht magst
Ein wichtiger Gegenpunkt: Gute Zusammenarbeit verlangt keine Freundschaft und keine gegenseitige Sympathie.
Muss ich Konflikte immer direkt ansprechen?
Nein. Bei kleinen, einmaligen Irritationen kann es reichen, sie zu übergehen. Bei Hierarchie, Sicherheit oder schwerem Fehlverhalten können andere Wege angemessener sein als das direkte Gespräch.
Wann Dokumentation sinnvoll wird
Bei wiederkehrenden konkreten Problemen: Datum, Situation, Vereinbarung, Auswirkung festhalten – als sachliche Übersicht, nicht als emotionale Charakterakte.
Wann eine Führungskraft einbezogen werden kann
Der Fokus sollte auf dem Arbeitsproblem liegen. Nicht: „Mein Kollege ist toxisch.” Sondern: „Wir haben wiederholt Problem X, ich habe Y versucht, die Auswirkung ist Z.”
Workplace Incivility ist mehr als „nicht nett”
Ein Forschungsbegriff für wiederholtes respektloses, aber nicht offen aggressives Verhalten am Arbeitsplatz. Eine große Metaanalyse über 253 unabhängige Stichproben findet Zusammenhänge zwischen erlebter Incivility und verschiedenen ungünstigen affektiven, gesundheitlichen und arbeitsbezogenen Outcomes. Das sind überwiegend Zusammenhangsbefunde – keine Grundlage, um einzelne Kollegen aus der Ferne zu diagnostizieren.
Konflikt, Incivility und Mobbing nicht gleichsetzen
Mobbing braucht eine eigene, sorgfältigere Betrachtung – dazu ausführlicher Mobbing oder normaler Konflikt?. Eine rechtliche oder diagnostische Definition wird an dieser Stelle bewusst nicht improvisiert.
Wenn Diskriminierung oder Belästigung im Spiel ist
Das ist kein gewöhnlicher Kollegenstreit. Geeignete betriebliche oder externe Anlaufstellen gehören in einen eigenen, sorgfältig recherchierten Artikel statt in eine kurze Erwähnung hier.
Was du nicht kontrollieren kannst
Du kannst deine eigene Kommunikation, Dokumentation, Arbeitsabsprachen und den Eskalationsweg beeinflussen. Du kannst nicht garantieren, dass ein Kollege sein Verhalten ändert.
Übung: Vom schwierigen Kollegen zum konkreten Problem
Streiche den Satz „Mein Kollege ist …” und beantworte stattdessen:
- Was tut die Person konkret?
- Wie häufig passiert das?
- Welche Auswirkung hat es?
- Was brauche ich für meine Arbeit?
- Habe ich das bereits angesprochen?
- Welche nächste Eskalationsstufe wäre angemessen?
Fazit
Ein konkretes Verhalten lässt sich klären, ein Persönlichkeitsurteil selten. Wer Arbeitsstil, Sachkonflikt, wiederholte Respektlosigkeit und ernstere Grenzverletzungen auseinanderhält, findet eher einen angemessenen nächsten Schritt – von der direkten Ansprache bis zur Einbindung einer Führungskraft. Für Grenzen, die über den konkreten Konflikt hinausgehen, hilft ergänzend Grenzen am Arbeitsplatz setzen.
Häufige Fragen
Wie gehe ich mit einem Kollegen um, den ich nicht mag?
Konzentriere dich zunächst darauf, welche Zusammenarbeit tatsächlich notwendig ist. Persönliche Sympathie ist keine Voraussetzung für klare, respektvolle Arbeitsabsprachen.
Soll ich einen schwierigen Kollegen direkt konfrontieren?
Nicht immer. Bei normalen Arbeitskonflikten kann ein direktes Gespräch sinnvoll sein. Bei Machtproblemen, Bedrohung, Diskriminierung oder Belästigung können andere Wege angemessener sein.
Was tun, wenn ein Kollege ständig Arbeit auf mich abschiebt?
Zuständigkeiten und Kapazitäten konkret ansprechen und gegebenenfalls mit der zuständigen Führungskraft klären.
Was tun, wenn mein Kollege mich ständig provoziert?
Beschreibe zunächst das konkrete Verhalten statt die vermutete Absicht. Bei wiederholter Abwertung kann Dokumentation und weitere Eskalation sinnvoll werden.
Wann ist ein Konflikt Mobbing?
Nicht anhand eines einzelnen Streits bestimmen. Das Thema sollte in einem eigenen Artikel fachlich und, wo erforderlich, rechtlich sauber behandelt werden.
Passend dazu
- Grenzen am Arbeitsplatz setzen: Klar bleiben, ohne unnötig zu eskalieren
- Schwierige Gespräche führen: Klar sprechen, ohne unnötig zu eskalieren
- Konflikte konstruktiv lösen: Vom Gegeneinander zur gemeinsamen Klärung
- Nein sagen im Job: Zusatzaufgaben und Bitten realistisch einschätzen
- Mobbing oder normaler Konflikt? Eine sorgfältige Einordnung